youngCaritas-Awardreise: Einsatz für die politische Ermächtigung der Frauen

In einem kleinen Kongresszentrum ausserhalb Baranquillas treffen wir eine Gruppe junger Frauen, die sich für eine gemeinsame Sache engagieren: COLEMAD – Akronym für «Colectivo Mujeres al Derecho», eine feministische Organisation, welche sich für die politische Ermächtigung kolumbianischer Frauen einsetzt. Die jungen Frauen, zwischen 14 und 28 Jahren alt, sind alle in verschiedenen «semilleros» aktiv, was sich grob mit «Saatbeet» übersetzen lässt. Diese Untergruppen von COLEMAD existieren an zahlreichen Orten in der Karibikregion und kämpfen mithilfe verschiedener Aktivitäten dafür, dass Frauen ihre Rechte wahrnehmen und ihr Umfeld aktiv mitgestalten können. Unser Projektbesuch findet im Rahmen eines regelmässigen Treffens verschiedener «semilleros» statt, an dem sich die jungen Frauen austauschen und gemeinsam an diversen politischen Themen arbeiten. So hören wir zum Beispiel einer jungen Ingenieurstudentin zu, welche gemeinsam mit den anderen Frauen ihres «semilleros» eine nachhaltige Tourismusanlage konzipiert hat, die aktuell in Bau ist. Eine andere Gruppe von «semilleros» fokussiert ihre Aktivitäten darauf, Frauen in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen. Beispielsweise, indem sie einen Kräutergarten betreiben, aus dem die Frauen des Dorfes traditionelle Heilmedizin herstellen.

 

Zu den Präsentationen gehört auch jeweils eine Tanzeinlage, bei der die jungen Frauen für ihren Heimatort typische Tänze aufführen. Salsa und Cumbia hatten wir ja alle schon mal irgendwo gehört – mapalé, champeta, porro, bullerengue und ihre jeweiligen Tanzschritte übersteigen jedoch unsere rhythmischen Fähigkeiten. Ziemlich lange schaffen wir es erfolgreich, uns vor dem Tanzen zu drücken, bis wir dann aufgrund eines verlorenen Spiels doch noch vor allen Macarena vortanzen müssen – und gnadenlos ausgelacht werden.

Welche Kraft und Entschlossenheit die jungen Frauen aber in ihren «semilleros» wirklich an den Tag legen, wird uns erst am nächsten Tag so richtig bewusst, als wir die Schule « Fe y Alegría» in einem von Gewalt und Armut geprägten Stadtteil Cartagenas besuchen. Beim Betreten des Schulgeländes werden wir von dem Lärm der vielen Schülerinnen und Schüler übermannt, welche kreuz und quer über das Gelände wuseln. Wie schwierig es hier sein muss, erfolgreich zu lernen und zu unterrichten, lassen die offenen Klassenzimmerstrukturen nur erahnen. Wir werden in die Aula geführt, wo die jungen Frauen des «semilleros» dieser Schule einen Empowerment-Parcours vorbereitet haben. Rund um den Internationalen Tag der Jugend am 12. August, hat die Gruppe verschiedene Ateliers zu den Rechten der Frauen und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft organisiert. Heute wollen sie die Aktivitäten öffnen und die gesamte Schule an den Diskussionen teilhaben lassen. So müssen an einem Posten beispielsweise «typisch» männliche oder «typisch» weibliche Eigenschaften zugeordnet und diskutiert werden. An einem anderen Posten müssen sich die Schülerinnen und Schüler spielerisch jeweils in das andere Geschlecht hineinversetzen. Wer macht die Wäsche und weshalb? Können Männer auch emotional sein? Ist nur die Frau für den Haushalt zuständig? Kann ein Mann Coiffeur werden, obwohl dies ein «typischer» Beruf für Frauen ist? Die Meinungen gehen auseinander und wir sind beeindruckt von den starken und reifen Persönlichkeiten der jungen Frauen, die ihren Klassenkameraden mit fundierten Argumenten die Stirn bieten. Ruhig und selbstsicher stellen sie sich den vorherrschenden Stereotypen und auch der coolste Macho der Schule, welcher zuerst noch lauthals propagiert, dass Frauen in die Küche gehören und die Männer das starke Geschlecht seien, wir plötzlich ganz ruhig, als Eva, die 17-jährige Leiterin des «semilleros» bestimmt verkündet: «Schau, du musst nicht meiner Meinung sein, aber nimm mich wenigstens ernst und hör mir zu!».

Als wir die Schule wieder verlassen, denken wir noch lange an die jungen Frauen, die so vielen eine Stimme geben und unermüdlich gegen die noch stark in der Gesellschaft verankerten Stereotypen und Unterdrückungsmechanismen ankämpfen. Wir sind überzeugt, dass ihre beispielhafte Arbeit ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der kolumbianischen Geschlechterfrage darstellt: Hin zu einer egalitäreren und gerechteren Gesellschaft, mit gleichen Rechten und Möglichkeiten für alle.

VOR 67 Tagen