El Carmen de Bolívar: Friedensprozess in den Händen der Bevölkerung

Es ist fünf Uhr morgens. Übermüdet kleben wir, der fast 100 prozentigen Luftfeuchtigkeit wegen auf dem Ledersofa in der Hotellobby fest und warten auf den Bus, der uns ins abgelegene Sincelejo bringen soll. Viel wissen wir nicht über die Stadt mit den knapp 300'000 Einwohner*innen, von denen rund 120'000 Menschen intern Vertriebene sind.

In Sincelejo angekommen, treffen wir auf Sembrandopaz, die Organisation, welche gemeinsam mit COLEMAD, die wir erst vor wenigen Tagen kennengelernt haben, 2017 den Prix Caritas gewonnen haben. "Wie unser Preis, einfach für Erwachsene", lachen wir. Ricardo Esquivia, der Präsident der Organisation, schaut uns mit ernstem aber ebenso neugierigem und warmen Blick über seine Brille hinweg an. Er war es, der nach jahrzehntelanger Tätigkeit in der kolumbianischen Friedensbewegung schliesslich 2005 Sembrandopaz gründete, was auf Deutsch soviel wie "Frieden sähen" bedeutet. Mittlerweile besteht die Organisation aus 18 Mitgliedern, die sich allesamt mit den Folgen des Konflikts beschäftigen und Unterstützung für die vielen intern Vertriebenen anbieten. Sie fokussieren sich dabei vor allem auf die Schaffung von Gemeindestrukturen und setzen sich für den Wiederaufbau von Vertrauen innerhalb der Dorfgemeinden ein, welches aufgrund des Jahrzehnte andauernden Konfliktes und die dadurch resultierte Spaltung der Gemeinschaft tief erschüttert wurde.

Ein Beispiel für die Tätigkeit von Sembrandopaz erleben wir am nächsten Tag in El Carmen de Bolívar. Das vergessene Städtchen liegt wunderschön eingebettet zwischen mit Mango- und Avocadobäumen übersähten Hügeln, grünen Feldern und Palmen. Fast könnte man vergessen, dass das Leben hier bis vor zehn Jahren alles andere als idyllisch war. Einziges Indiz für die Kämpfe zwischen den Guerillas und Paramilitärs sind die Einschusslöcher in den Häusern, die uns auf einer Führung durch die Stadt auffallen. Auch die grimmig schauenden jungen Männer, die sich bei unserem Vorübergehen trotz Soldatenuniform einen leisen Pfiff durch ihre Zahnspange nicht verkneifen können, sind nicht zu übersehen. Seit das Militär in der Stadt stationiert ist, sei es ruhiger geworden und die Einwohner*innen fühlen sich sicherer, sagt uns Elmer, der uns durch die Stadt führt. Man merkt den Stolz in seiner Stimme, wenn er uns zum Beispiel die neue Musikschule zeigt, wo Kinder und Jugendliche zwei Mal pro Woche umsonst unterrichtet werden. Oder wenn er von Lucho Bermúdez berichtet, dem landesweit berühmten Musiker und Poet, der sowas wie der Patron von El Carmen de Bolívar ist und dessen zahlreiche Statuen das Stadtbild prägen. Der Stolz auf Ihre Heimat ist den Kolumbianer*innen nie abhandengekommen, das merkt man. Aber ihr Selbstbild hat gelitten, das gemeinschaftliche Herz der Nation ist gebrochen.

Das ist auch in der abgelegenen Dorfgemeinschaft in Montes de María spürbar, die wir am nächsten Tag besuchen. Ein klappriger Jeep bringt uns dorthin. Die Strassen sind kaum befahrbar, die Einheimischen kämpfen seit Jahren vergebens darum, dass die Regierung ihre Strassen erneuert. Bei schönem Wetter braucht man für die Strecke eine halbe Stunde, bei Regen bis zu einem halben Tag. Wir haben Glück. Auf Plastikstühlen sitzen wir im Kreis, tauschen uns aus, beantworten zahlreiche Fragen über AsyLex und die Situation der Geflüchteten in der Schweiz, aber auch über unseren ganz normalen Alltag. Im Gegenzug erzählen uns die Menschen von ihren Erinnerungen. Da ist zum Beispiel eine Frau, die mit einem dreimonatigen Baby auf dem Rücken und ihrer zweijährigen Tochter an der Hand fluchtartig das Dorf verlassen musste, als die Kämpfe wegen der idealen Lage für den Drogenschmuggel eskalierten. Heute sitzen uns ihre Kinder, achtzehn und zwanzig Jahre alt, gegenüber. Sie engagieren sich für den Wiederaufbau der Region, die Anerkennung der Landrechte durch die Regierung und eine Erinnerungskultur, die auch das Prinzip des Vergebens kennt. In ihrer Stimme ist kein Funke von Bitterkeit auszumachen, in ihren Augen erkennt man Hoffnung. Ein Gefühl, das Kolumbien als Nation zuerst wiederentdecken muss.

Wir verlassen das Dorf und machen auf dem Rückweg einen kurzen Halt auf dem höchstgelegenen Punkt der Region, mit wunderschöner Aussicht über die grünen Hügel. Dort steht ein riesiger Baum, der über tausend Jahre alt sein soll. Auch er hat mehrere Einschusslöcher, das sieht man allerdings erst, wenn man genau hinsieht. Bei unserem Besuch hat es Wolken, aber bei schönem Wetter kann man von dort aus am Horizont das Meer sehen.

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