Bogotá: Kolumbiens vielflältige Flüchtlingssituation

Bogotá, Busbahnhof, Eingang 5. Wir kommen dort an, wo täglich 80 bis 100 Geflüchtete aus Venezuela eintreffen, wie uns die Direktorin von der in 1992 gegründeten Organisation Fundación Atención al Migrante (FAMIG) erzählt. Es werden bloss gruppenweise Leute reingelassen, der Rest muss draussen in der Kälte warten. Drinnen angekommen, tragen sich die Geflüchteten in eine Liste ein. Hier erhalten sie erste Hilfe, meist eine warme Mahlzeit, Kaffee oder Tee. Viele von ihnen wollen nach Ecuador, in der Hoffnung, dort eine Arbeit zu finden, damit sie für ihre Familien in Venezuela sorgen können. FAMIG bezahlt die Bustickets für diese Durchreise. Die Direktorin teilt uns mit, dass der Grossteil keinen Reisepass besitze, da er zum einen zu teuer sei und zum anderen der Staat weder genügend Ressourcen, noch Interesse habe, für alle Staatsbürger einen solchen auszustellen. Wir schauen in ihre müden Gesichter und hören zu, wie sie von den «troqas» erzählen, Schleichwege, um die offiziellen Grenzübergänge zu umgehen. Ganze 567 km zu Fuss von Cúcuta bis Bogotá, wofür sie acht bis zehn Tage brauchen und das bei eiserner Kälte – kaum vorstellbar! Das Ganze nimmt uns mehr mit als erwartet und zeigt einmal mehr auf, wie gut es uns in der Schweiz geht, was alles andere als selbstverständlich ist.

Es geht weiter zum Centro de Atención al Migrante (CAMIG), einer der sehr wenigen Orte in der Stadt, in dem die Geflüchteten oder intern Vertriebenen Zuflucht finden können. Das Haus ist grosszügig, sauber und es riecht gut. Einige nehmen hier bloss eine Dusche oder eine Mahlzeit zu sich, andere bleiben bis zu 20 Tagen, wie uns die Direktorin erklärt. Ungefähr zehn Mitarbeitende kümmern sich um die angekommenen Menschen und man sieht, dass sie ihre Arbeit mit Herzblut erledigen. Einige von ihnen wohnen sogar selbst im CAMIG. Wir sprechen mit einem Vater aus Venezuela, der gekommen ist, um seine 17-jährige Tochter nach Hause zu holen. Sie ist den ganzen Weg alleine geflüchtet, um in Bogotá Arbeit zu finden, damit sie ihre Familie unterstützen kann. Dies ist ohne gültige Dokumente jedoch unmöglich. Wir erfahren von BIENESTAR FAMILIAR, einer staatlichen Organisation, die Kinder auf der Strasse aufschnappt und dann die Eltern kontaktiert. Angesichts der Tatsache, dass sie auch Prostituierte und Drogenabhängige aufnehmen, kann sich jeder vorstellen, was das für eine Umgebung für Kinder sein muss.  

Zuletzt besuchen wir die Schule Centro Pastoral y de Capacitación (CEPCA), die jährlich zwischen 300 bis 400 Schülerinnen unterrichtet und Kurse in Nageldesign, Haarschnitt, Informatik etc. gegen eine geringe Gebühr anbietet. Zur Zielgruppe gehören vor allem Frauen, die in prekären Verhältnissen leben, die allermeisten von ihnen gehören zu den rund acht Millionen intern Vertriebenen. In keinem anderen Land weltweit gibt es davon so viele wie hier. Die Schule wird von lediglich drei Frauen geführt. Uns fällt auf, dass das Wort «duelo», was so viel wie Schmerz bedeutet und verschiedene Ursachen haben kann, sehr oft fällt. Speziell und für uns ungewohnt an diesem Unterricht ist, dass er aus zwei Komponenten besteht. Zum einen gibt es nämlich den Technikteil, bei dem die Schülerinnen einen Beruf erlernen und zum anderen den Psychologieteil, bei dem es darum geht, ihnen zu helfen mit ihrem «duelo» umzugehen. Die interne Vertreibung ist dabei meistens der Auslöser von diesem Schmerz, der aufgrund des Verlustes der Heimat entsteht. Es werden Themen wie sexueller Missbrauch, Drogen oder innerfamiliäre Gewalt angesprochen und die Schülerinnen erlernen auch Techniken, wie sie ihren Familienmitgliedern mit der Bewältigung des «duelos» helfen können. Ferner werden sie über ihre Rechte aufgeklärt und erhalten einen Einblick in die selbständige Berufstätigkeit, damit einige von ihnen später beispielsweise ihren eigenen Beautysalon eröffnen können.

Kolumbien befindet sich in einem Umwälzungsprozess: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes kommen mehr Flüchtlinge aus dem Nachbarland, als dass die Einheimischen aus dem Land flüchten. Daher ist das Land nicht wirklich auf diese Situation vorbereitet. Parallel dazu muss es sich mit internen Problemen wie den intern Vertriebenen befassen. Trotz allen Herausforderungen sehen wir Potential, dass sich die Situation in den nächsten Jahren verbessern wird, da sich Teile der Bevölkerung aktiv dafür einsetzen.

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