Elsbeth Horbaty im Einsatz.

Santiago de Chile, 6.3.2010, 23:35 Uhr

Seit zwei Tagen arbeiten wir zu zweit und alles scheint einfacher. Meine Kollegin Inger wohnt in Chile seit über 20 Jahren und kennt Politik, Menschen und Ort in und auswendig. Sie erkennt die politischen und inhaltlichen Nuancen und kaum jemand kann ihr irgend einen Bären aufbinden. Für mich bestätigt sich die Strategie von Caritas Schweiz, Koordinationsstellen in wichtigen Ländern aufzubauen und mit lokalen Leuten zu besetzen. Für die aktuelle Situation in Chile nach dem Erdbeben ist Inger ein Glücksfall. Sie lebt in Chile ist aber Koordinatorin für ein Programm von Caritas Schweiz in Kolumbien.

Gemeinsam mit ihr besuchen wir mögliche Partnerorganisation und heute Samstag haben wir uns auf die Reise nach Concepcion vorbereitet, das Gebiet, das vom Erdbeben am meisten betroffen ist. Zusammen mit tausenden von Chilenen sind wir in einer der grossen Supermärkte zum Einkaufen gegangen, da alles Essen und Trinken selbst mitgenommen wird. Autos gibt es kaum zu mieten. Tausende sind wie wir unterwegs und bringen Nahrungsmittel, Wasser für Familienangehörige, Freunde und Bekannte selbst in die betroffenen Gebiete, 6 Tage nach der schlimmsten Naturkatastrophe in diesem Land.

Ich bin aus dem Hotel ausgezogen, nachdem die vorige Nacht das ganze Gebäude und die Kristallleuchter zum Schwanken gebracht hat. Eine chilenische Freundin von Inger hat uns in ihrem Haus im Südwesten von Santiago aufgenommen, wo die Häuser meist nur einen Stock hoch sind und ich fühle mich wie zu Hause. Die Tochter war zwei Tage unterwegs, um mit tausend anderen StudentInnen in den vom Erdbeben betroffenen Stadtvierteln Schutt wegzuräumen. Die Eltern packen Lebensmittel ein für eine Bauernvereinigung weiter südlich, die organische Landwirtschaft betreiben und von der sie auch nicht wissen, wie viele ihr Haus verloren haben.

An diesem schönen heissen Samstagnachmittag kann ich kaum glauben, dass nur ein paar hundert Kilometer weiter entfernt ganze Städte, Dörfer, mehr als 700 Kirchen im Schutt liegen und 2 Millionen Menschen ihre Wohnung oder Haus verloren haben. Aber morgen werde ich mehr erfahren. Unsere Bekannte in Concepcion, wo wir morgen hinfahren, bittet uns alles mitzunehmen, was wir können. Morgen werde ich mehr wissen, aber vielleicht nicht schreiben können. Das Internet in Concepcion scheint erst seit heute wieder zu funktionieren.

Auch die Natur scheint hier Gegensätzen ausgeliefert zu sein. Die brütende Hitze, die wir beim Einkaufen verspürt haben, ist jetzt in der Nacht durch einen unerwartet kühlen Wind abgelöst worden. Von Ferne hört man ein Geburtstagsfest und gleichzeitig fangen die Hunde an, zu bellen. Vielleicht ein Zeichen, dass die Erde nochmals zittern wird. Fast habe ich es schon wieder vergessen. Ich stelle meinen Rucksack und meine Schuhe neben das Bett, falls wir in aller Schnelle aufstehen müssen. Aber diesmal werde ich nicht mehr in den Kleidern schlafen. Ich fühle mich hier geborgen.

Verfasst von Elsbeth Horbaty, die für Caritas Schweiz in Lateinamerika und Afrika tätig ist.